JugendMedienEvent 2012

Das JugendMedienEvent 2012
20. bis 23. September in Frankfurt und Mainz

Nighthawks

Eine Nacht in der Turnhalle.

Brandwächter: Die Vorstellung, eine Nacht lang auf zu bleiben, hatte beim ersten Mal noch etwas erhabenes. Verantwortungsbewusst über selig schlummernde Teilnehmer wachen. Geradezu abenteuerlich. Gibt es etwas faszinierenderes, als sich die Nächte um die Ohren zu schlagen und zwischen den im Schlaf versunkenen Taglebenden umher zu geistern? Stets mit der Vorstellung, in einer Stunde der Not wie Batman aus dem Schatten hervorzuspringen und die Teilnehmer in unserer Obhut vor dem Schlimmsten zu bewahren? Wohl kaum.

Mario und ich hatten die Aufgabe, nächtens über Sicherheit und Unversehrtheit der Turnhalle zu wachen. Die Halle, in der die männlichen Teilnehmer schliefen. Uns war eine Verantwortung auferlegt worden, die wir nur tragen konnten, indem wir unseren inneren und gleichzeitig größten Feind besiegten: die Müdigkeit. Ob es uns gelang? Jedenfalls stand die Halle am nächsten Tag noch und die Teilnehmer wirkten zumindest äußerlich wohlauf. Wir hingegen hatten nur noch den Schlafsack im Sinn.

Rückblick. Vier Uhr morgens, dritte und letzte Nacht. War die erste Nacht noch ein Wagnis, so hat diese Nacht eher etwas von einer routinierten Nachtschicht. Eine Nacht, die sich unter der Zuhilfenahme von Koffein in verschiedenen Formen daherlangweilt. Der Zeiger meiner Uhr rückt extrem langsam vorwärts. Seine Bewegung scheint so langsam, man könnte glauben, das Uhrwerk sei mit Harz geschmiert. Ich verspüre jedoch nicht einmal mehr einen Hauch von Müdigkeit, was ich wohl der stark zuckerhaltigen Geburtstagstorte für die Junge Presse zu verdanken habe. Dafür fangen nun meine Augen an zu brennen.

Mario träumt derweil friedlich schnarchend in seinem Schlafsack auf der Küchenablage hinter mir. Ich bin ihm sehr dankbar für den leichten Geräuschpegel, immerhin hält er mich jetzt wach. In den letzten Nächten waren wir immer wieder vor die Tür gegangen und hatten in der Kälte gefroren. Sofort waren wir wieder wacher, die Halle kam uns viel wärmer vor. Nur wurden wir durch die Wärme auch wieder schnell müde…

Gerade als ich darüber sinniere, ob es nicht eine gute Idee wäre, in der nächsten halben Stunde eine Dusche zu nehmen, höre ich ein seltsames Geräusch aus Richtung der Schlafhallen. Ich stehe auf und gehe langsam und leise der Geräuschquelle entgegen. Es hört sich fast an, als sei mitten in der Nacht ein Wecker losgegangen. Irrtum. Es stellt sich heraus, dass das klingelnde Geräusch nicht aus der Halle, sondern aus der Heizungsanlage über mir kommt. Die war mir von Anfang an unsympathisch.

Ich gehe zurück zur Theke am Eingang und setze der Wasserflasche vor mir meine Brille auf. Das habe ich schon in der letzten Nacht gemacht, Mario hat die Fotos davon im Internet hochgeladen. Erneut statte ich die Flasche mit meinem Teamer-Ausweis und dem Headset des Funkgerätes aus. Ich stelle die Flasche vor mich hin und übergebe die Verantwortung vorübergehend an sie ab. Sollte entgegen aller Erwartung heute Nacht doch noch ein Feuer ausbrechen, so wäre sie als Wasserflasche sogar in der Lage, das Feuer selbst zu löschen. Das macht sie in meinen Augen überaus qualifiziert für dieses Amt.

Ein Teilnehmer wankt im Schlafanzug über den Flur zurück in Richtung Halle. Er trägt ein Handtuch mit sich. Er war mir zuvor gar nicht aufgefallen und ich frage mich ernsthaft, ob er jetzt schon geduscht hat. Aber das würde bedeuten, dass er sich vermutlich den Wecker gestellt hätte… Moment, da war doch dieses klingelnde Geräusch vorhin. Nein, das war ja bloß die Lüftungsanlage.

Meine Gedanken werden von einem Anruf aus der Mädchenhalle unterbrochen. Dort ist diese Nacht schon wieder nichts passiert, wenn man von der Tatsache absieht, dass es Mario aufgrund seines Powernappings schon wieder versäumt hat, drüben auf ein nächtliches Ananasfrühstück aus der Dose vorbeizuschauen.

Ich blicke auf die Uhr. Halb fünf. Meine Augen brennen immer noch. Merkwürdigerweise muss ich gerade an Peter Fox‘ Song „Guten Morgen Berlin“ denken. Ich beschließe, einen kleinen Rundgang zu machen, bevor ich Mario wecke. An der Tür zur Halle stehend, blicke ich in die friedliche Dunkelheit des provisorischen Schlafsaals. Ich höre das Schnarchen der Teilnehmer und der anderen Teamer, die auf Matten und Luftmatratzen auf dem Hallenboden vor mir nächtigen.

Am Abend zuvor mussten wir noch die Überreste eines Handballturniers entfernen, bevor die Teilnehmer den Raum beziehen konnten. Für einen Moment versuche ich mir erneut einen Reim daraus zu machen, was es wohl mit den Gurkenscheiben in den Duschen auf sich hatte, verdränge den Gedanken aber ganz schnell wieder.

Ich begebe mich zurück zu unserem „Büro“ am Eingang. Die Wasserflasche hat nun ihre Pflicht getan und wird abgelöst. Sie hat sich jetzt etwas Schlaf verdient. Mario und ich hätten jetzt sicherlich auch ein wenig Schlaf nötig, aber das wird in den nächsten Stunden kaum möglich sein. Mario ist jetzt dank seines Powernappings wieder munter – oder wie auch immer man diesen Zustand jenseits von müde und bekloppt, in dem wir uns beide befinden, nennt. Bei mir ist dank des Koffeins im Blut nicht an Schlaf zu denken. Vielleicht später, wenn ich beim Frühstück über einem Becher heißen Kaffees hinweg dämmern werde. Bis dahin aber wird das Schicksal dieser Halle weiterhin in unseren Händen ruhen. In den Händen zweier Teamer mit Schlafrythmusstörung und einer sehr qualifizierten Wasserflasche.

Foto: Mario Arnold

pvoigt

Hauptveranstalter und Partner Junge Presse e.V. ZDF BPB Axel Springer Akademie