JugendMedienEvent 2012

Das JugendMedienEvent 2012
20. bis 23. September in Frankfurt und Mainz

Die Welt hinter dem eisernen Vorhang

Ein Besuch im Staatstheater Mainz

„Setzt euch, hier ist viel Platz“, lädt Verena Arndt die kleine Menschengruppe ein. Im kleinen Haus sind gerade keine Proben, so haben wir 400 gepolsterte Sitze für uns. Die junge Theaterpädagogin, die sich für ein FSJ während des Studiums entschieden hat – „für diesen Job brauchen sie Leute, die schon Erfahrungen im Haus gesammelt haben“ – erzählt strahlend vom Leben in dem riesigen Gebäude. 350 Leute fest angestellt, 600 Mitarbeiter insgesamt, unzählige Berufsgruppen: Fast alles, was der Zuschauer in einer Vorstellung zu sehen bekommt, ist in Eigenproduktion entstanden.

Wir gehen hinter den eisernen Vorhang. „Der hat nichts mit dem kalten Krieg zu tun, die haben den Begriff von uns“ erklärt Verena die traditionsreiche Brandschutzeinrichtung, die den Zuschauern 30 Minuten schenkt, um den Saal im Fall eines Bühnenbrandes zu verlassen. Holz sehen wir auch sofort, ein zerhackter Eiffelturm dient als Kulisse von Becketts „Warten auf Godot“, das demnächst Premiere hat. Eine von 30 jährlich.

Das Licht ist gedämpft, der Bühnenraum größer als erwartet – vor allem nach oben. Im etwa 20 Meter hohen Bühnenhimmel sind Gitter, Beleuchtung und Eisenstangen befestigt. An ihn können beliebig viele Bühnenbilder oder auch mal ein fliegender Peter Pan aufgehangen werden.

Die Seele der Bühne

Auf der Seitenbühne erzählt uns Verena von von einem besonderen Job, für die keine andere Ausbildung befähigt, als jahrelange Erfahrung: Den der Inspizientin. Die wohl umfangreichste Stückfassung mit allen erdenklichen Anweisungen liegen ihr vor, sie ruft die Schauspieler rechtzeitig auf, redet ihnen Mut zu, behält die Licht- und Toneinstellungen im Blick, verteilt Hustenbonbons. „Die Seele der Bühne“ – oft eine Balletttänzerin nach ihrem Leistungszenit.

Weiter geht es unter die Bühne, 17 Meter in den Keller, rechts neben dem Fahrstuhl erhallt Klaviermusik, die die Ballettprobe begleitet, nach links betreten wir die riesige Halle. Sie erinert an einen Baumarkt, und auch genauso voll gestellt ist mit Bühnenbildern aus aktuellen, klassischen und abgespielten Stücken. Letztere werden bald Platz für neue machen müssen, die Produktion steht nicht still, die Werkstatt liefert ständig nach.

Wir fahren wieder nach oben, laufen durch lange Gänge, vorbei an Umkleiden, Büros, oft stehen sieben-acht Namen auf den Türschildern. Überall treffen wir beschäftigte Mitarbeiter, manche mehrmals, sie sind offenbar so viel unterwegs wie wir.

Aus einer Tür tönt Musik, eine Teilnehmerin zuckt kurz zusammen, als ein Baritonhorn einen Meter neben ihr einsetzt. „Im großen Haus ist gerade Orchesterprobe für morgen“, erklärt unsere Leiterin. Treppe hoch, links, Maske. Hier werden Perücken von Hand hergestellt, denn echt müssen sie auf der Bühne aussehen. Sie zu knüpfen dauert 40 bis 80 Arbeitsstunden, das verwendete Echthaar kostet je nach Herkunft im Kilo 2000 bis 10000 Euro. Alte Masken umgeben die Werkbänke, ein Kopf aus der Oper Salome liegt in einer Ecke.

Fahrstuhl hoch, einen langen Gang entlang, wir landen unter dem Dach, in der Galerie der Bühnenbildner. Gerade hieven fünf Maler eine Hauswand vom Boden hoch und schauen, ob sie aufgestellt die erwünschte Wirkung beim Betrachter erzielen. Zurück zum Fahrstuhl, in ein neues Stockwerk ohne Fenster, wir betreten den Kostümfundus. Als Archiv aufgebaut, auf Kleiderständern und in Kisten sehen wir Märchenkostüme, Soldatenuniformen, einen pinken Rock mit zwei Metern Reifdurchmesser, Unmengen Schuhe, Anzüge, Hüte. Was die Schneiderwerkstatt herstellt, landet nach den Aufführungen hier und dient als Fundus für kommende Spielzeiten. Wenn es insgesamt zu viel wird, landet es kurz vor Fasching unter dem Hammer, nur Klassiker bleiben.

Verena erzählt, was es bedeutet, Staatstheater zu sein, von Steuergeldern von Land und Kommune, die einerseits ein Programm ermöglichen, das nicht von vornherein ausverkauft ist und jungen Regisseuren im besten Wortsinn eine Bühne bieten, andererseits eine hohe Abhängigkeit zur Haushaltspolitik bedeutet, die zuletzt zur Schließung der experimentellen dritten Bühne führte. „Dann haben wir aus der Not eine Tugend gemacht und haben das ehemalige Restaurant auf dem Dach des Hauptgebäudes zu einer Bühne umgebaut“. Die Eröffnung ist morgen, es werden in einer Art Speeddating vier Stücke aufgeführt, das erste auf der alten, die nächsten beiden auf der neuen Bühne. In den folgenden Vorstellungen werden alle vier Stücke in der neuen Spielstätte gespielt.

Einige Aufzüge, Treppen und Gänge später landen wir wieder im Zuschauerraum des kleinen Hauses, holen unsere Jacken von der Gaderobe. Der Ameisenhaufen liegt wieder hinter dicken Mauern verborgen.

Hier findet ihr ein Interview mit Katrin Scherer über ihre Arbeit als Mitarbeiterin in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Staatstheaters.

Eindrücke aus dem Staatstheater

no images were found

Hauptveranstalter und Partner Junge Presse e.V. ZDF BPB Axel Springer Akademie